Lehm Ton Erde - Werkhalle und Bürogebäude, Schlins
Vorarlberg, Bauherr:innenpreis, NominierungenBauherrschaft: Lehm Ton Erde Baukunst GmbH
Architektur: Martin Rauch
Foto: Hanno Mackowitz
Fachplaner:innen:
Tragwerksplanung: gbd ZT GmbH BAU-Ingenieure in Dornbirn
Heizungskonzept: Gebhard Keckeis ENERGIEWERKSTATT
Holzbau: Dobler Holzbau GmbH
Die übliche Ordnung des Bauens beruht auf einer Trennung der Rollen von Bauherrschaft, Planung und Unternehmung. Die Bauherrschaft formuliert Ziele, bewilligt die Mittel und trägt das Risiko für die zukünftige Nutzung und den Unterhalt des Baus. Die Planung übersetzt die so gestellten Bedingungen in Raum und Konstruktion. Die Unternehmung schließlich optimiert, setzt um und haftet für ihr Werk.
Diese Ordnung ist sinnfällig. Sie schützt vor Willkür, verteilt Verantwortung gemäß jeweiliger Expertise und schafft Sicherheit. Durch das Verteilen von Verantwortung auf verschiedene Teilbereiche produziert sie aber auch Entlastung – jede und jeder kann sich auf die fragmentierte Verantwortung der jeweiligen Rolle berufen.
Fallen diese Rollen – wie in diesem Projekt - zusammen, ändert sich der Charakter jeder Entscheidung. Der Entwurf ist nicht mehr nur ein Vorschlag an Dritte. Die Bauherrschaft ist nicht mehr bloß Auftraggeberin und Nutzerin, sondern Mitautorin des Risikos. Und die Unternehmung ist nicht mehr nachgelagerte Expertin für ein bestimmtes Bauteil, sondern Teil des konstruktiven und architektonischen Denkens.
Das im zeitgenössischen Bauprozess üblicherweise fragmentierte Risiko – finanzieller und planerischer Art – wird in einem solchen Fall verdichtet. Die Folgen jeder Entscheidung müssen selbst getragen werden. Daraus entsteht Unsicherheit, aber auch ein Möglichkeitsraum in jenem Bereich, in dem Norm, Zertifikate und Markt neuere Entwicklungen noch nicht vollständig erfasst haben.
In diesem Raum entwickelt das Team von „Lehm Ton Erde Baukunst“ ein Gebäude von seltener Konsequenz und hohem Innovationsgehalt. Gestaltung, Konstruktion, Gebäudetechnik, Kosten und zukünftiger Betrieb gehen in hohem Maße aus einer gemeinsamen Logik und Verantwortung hervor. So wird die Bauwende nicht nur proklamiert, sondern als bauliche Praxis vorgeführt. Die Praxistauglichkeit von zehn Meter hohen, selbsttragenden Lehmwänden, von Bauteilaktivierung und Wärmespeicherung in Erde und Lehm oder von Hybridkonstruktionen aus Holz und lehmgebundenen Holzschnitzeln wird anschaulich belegt. Ein Liftschacht aus Lehm wird entwickelt – und tritt für zukünftige Bauherrschaften den beruhigenden Beweis seiner Gebrauchstauglichkeit an. So entsteht Vertrauen – in Materialien und Konstruktionen, für die breite Erfahrungswerte und Zertifizierungen noch fehlen.
All diese Entwicklungsarbeit wäre aber noch nicht preiswürdig, wenn nicht gleichzeitig hochwertige Architektur entstehen würde. Die Massivität des Lehmbaus führt in Verbindung mit Holz und Cortenstahl zu einer eingängigen Raumgestalt von eigener Schönheit, in der Modernität und Archaik zusammenkommen – und zu einer für einen Industriebau ungewöhnlichen Erscheinung von hoher Wertigkeit.
Text: Lukas Imhof
Fotos Bauherr:innen und Architekt:innen: Leopold Fuchs
