Loft-Flügel, Wien
Aktuelles, Bauherr:innenpreis, Preisträger:innen, ArchitekturpreisEcke Taborstraße 113 / Bruno-Marek-Allee, 1020 Wien
BAUHERR:IN WIENER STÄDTISCHE Versicherung AG
ARCHITEKTUR StudioVlayStreeruwitz ZT GmbH
FREIRAUMPLANUNG Agence Ter
TRAGWERKSPLANUNG Mischek ZT GmbH
FERTIGSTELLUNG 2024
Der „Loftflügel“ an der Ecke Bruno-Marek-Allee und Taborstraße zeigt sich von weitem als architektonischer Sonderfall unter den Geschoßwohnungsbauten am Wiener Nordbahnhof. Zwischen 2019 und 2024 realisiert, bildet der Bau mit seiner modularen Zweigliedrigkeit von vorgesetztem Laubengang zum Innenhof und geschlossenem Langbau zur Allee einen markanten Übergang. Als letztes Glied zwischen der neuen Stadtstruktur und dem Park der „Freien Mitte“ kann er sich die typologische Besonderheit auch städtebaulich leisten.
Ziel des Projekts von Studio Vlay/Streeruwitz Architekten war es, dem weitgehend standardisierten Wohnungsmarkt ein Haus für alternative Grundriss- und Lebensmodelle entgegenzusetzen.
Der Entwurf sollte Wohnen und Arbeiten stärker verknüpfen, auf sich wandelnde Lebensweisen reagieren und somit Wohnformen ermöglichen, die in der freifinanzierten Wohnbauproduktion kaum anzutreffen sind. Theoretisch knüpft das Projekt an die Überlegungen des Architektenteams aus ihrem Buch Mischung possible an – eine programmatische Aufforderung, die Funktionsmischung in der Stadt neu zu denken. Die Bauherrin, die Wiener Städtische Versicherung zusammen mit der EGW Wohnungsgesellschaft, bewies entsprechende Weitsicht. Um das Risiko einer mangelnden Nachfrage abzufedern, wurde bei Baubeginn ein Call gestartet, der ein großes Interesse am Konzept bestätigte – es gab rund 800 Vormerkungen für die 32 Lofteinheiten.
Konstruktiv gelang die gewünschte Flexibilität durch ein klares statisches System: Tragende Außenwände und zentrale Stahlbetonschächte schaffen offene Grundrisse; Wohnungstrennwände und Innenwände sind in Leichtbau ausgeführt. Die großzügigen Laubengänge dienen nicht nur der Erschließung, sondern auch als halböffentliche Begegnungsräume. Vor jeder der Wohnungen– mit Flächen zwischen 46 und 106 m2 – gibt es einen kleinen, individuell nutzbaren Vorbereich, der durch eine leichte räumliche Trennung markiert ist.
Die Mieter:innen wurden bei ihren Ausbauwünschen entsprechend beraten. Wählbare Standards vereinfachten die Umsetzung. So entstand ein Haus, in dem kein Grundriss dem anderen gleicht, das aber dennoch auf einem einfachen, robusten Konzept beruht. Der Erfolg des Projekts liegt nicht zuletzt in seiner schlichten, aber vorausschauenden Bauweise: Holz-Alu-Fenster, Stahlbetonfertigteile und eine robuste Fassade aus Klinkerriemchen sorgen für lange Lebensdauer bei minimalem Wartungsaufwand.
Der Name Loftflügel steht für ein Synonym der Architekt:innen als „Long-term Open Floor Type“. Mit der Auszeichnung würdigt die Jury den gelungenen Versuch, im freifinanzierten Wohnungsbau besondere Wege zu gehen – architektonisch, sozial und prozessual. Der Loftflügel ist ein Pionierprojekt, das zeigt, dass sich Flexibilität, Nachhaltigkeit und Markttauglichkeit im heutigen Wohnungsbau nicht ausschließen, wenn Bauherrin und Architekt:innen entsprechend zusammenarbeiten.
Text: Kaye Geipel
Film und Fotos: Hanno Mackowitz

