Domcenter, Linz Oberösterreich
Aktuelles, Bauherr:innenpreis, Preisträger:innen, ArchitekturpreisDomplatz 1, 4020 Linz
BAUHERR:IN Bischof-Rudigier-Stiftung zur Erhaltung des Mariä-Empfängnis-Domes
ARCHITEKTUR peter haimerl.architektur / Studio Clemens Bauder
TRAGWERKSPLANUNG DI Weilhartner ZT GmbH, Puratec GmbH, Alt & Neu Bauträgergesellschaft mbH
FERTIGSTELLUNG 2024
Bauen an der Flanke eines hundert Jahre alten Doms, der größten Kirche Österreichs – geht das überhaupt?
Der Entwurf eines Pavillons für den Mariendom in Linz, 1924 fertiggestellt und seither Wahrzeichen der Stadt, bewältigt eine auf den ersten Blick kaum lösbare Aufgabe: Wie lässt sich dem Dom ein weiterer, wenn auch kleiner Eingang mit Infocenter an die Seite stellen?
Der Anlass für diese Überlegung lag in der städtebaulichen Situation: Der Haupteingang der Kirche liegt im Norden, der große Domplatz, genutzt für kulturelle wie religiöse Ereignisse der Stadt, jedoch im Osten. Zu dieser Seite zeigte sich die neugotische Kirche bislang weitgehend verschlossen.
Die Bischof-Rudigier-Stiftung als Bauherrin formulierte daher eine spekulative, fast kühne Idee: Könnte man den Dom an dieser Seite öffnen – so, dass ein direkter Zugang zum Domschatz entsteht und zugleich zusätzliche, für die Beziehung zwischen Kirche und Stadtbevölkerung wichtige Funktionen integriert werden? Dommeister Clemens Pichler dachte dabei auch an ein kleines Café.
Ein erster Workshop mit Studierenden von Peter Haimerl, der damals an der Kunstuniversität Linz lehrte, sondierte mögliche Ansätze. Danach begann Haimerl, zusammen mit dem für die Innenarchitektur verantwortlichen Clemens Bauder, die konkrete Planung. Haimerl ist bekannt für seine Arbeiten im Bestand – und doch brauchte es mehrere Entwicklungsschritte, bis die Architekt:innen, begleitet von der oberösterreichischen Landeskonservatorin Petra Weiss, eine überzeugende Lösung fanden: Ein Pavillon aus leichten, baldachinartigen Sichtbetongewölben, die von Ferne wie ein Zelt erscheinen, das sich an den Dom lehnt. Die Anklänge an die Neogotik sind unübersehbar. Entscheidend aber: Der Dom selbst bleibt unangetastet – eine zentrale denkmalpflegerische Voraussetzung für das neue „Domcenter“.
Haimerl hat hier gezeigt, dass er – wo der Bauherr den Freiraum dafür gibt – Architektur auch unter einschränken- den Bedingungen neu denken kann. Nichts an der Lösung mit den drei Baldachinen, die hinter einer zurückgesetzten Glasfassade ein Café, einen Infostand und den Zugang zum Domschatz beherbergen, ist selbstverständlich: weder die Form noch die Materialwahl noch die Zusammenführung so heterogener Funktionen. Mit dem Preis wird der gemeinsame Mut von Bauherrschaft und Architektenschaft ausgezeichnet, einen neuen Eingang zu wagen – trotz Kritik in der Planungs- und Umsetzungsphase. Linz hat damit ein Beispiel geschaffen, wie selbst große, denkmalgeschützte Bauwerke mit Sorgfalt und Augenmaß um zeitgemäße öffentliche Funktionen ergänzt werden können.
Text: Kaye Geipel
Film und Fotos: Hanno Mackowitz


